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Ich und meine Stadt - Ein Ort in Berlin

Schreiben2Im Schuljahr 2013/2014 entstanden im Ergänzungskurs "Kreatives Schreiben" essayistischen Texte zu selbstgewählten Orten in Berlin. Dabei konnten folgende Genres gewählt werden: Feuilleton, Porträt, Reportage, Reisebeschreibung oder eine Zwiesprache Mensch-Ort. Es entstanden Reflexionen über eine Straße in Neukölln und Impressionen über drei Stadtbezirke im Osten und einer in der Mitte Berlins.

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Riesenrad
Denise Niemann auf Spurensuche im Plänterwald

"Keine Kinder mit Zuckerwatte in den Händen kommen uns entgegen, als wir den Park besuchen. Es gibt kein Geschrei, keinen Duft von den Imbissbuden. Nur das alte Riesenrad dreht sich noch langsam im Wind."

Berlin, das ist nicht nur Alt-Hohenschönhausen
oder Buch oder Rudow.
Berlin ist so viel mehr. Mein Berlin ist Leben, Chaos, Baustelle, Magnet.
Mein Berlin ist Mode, ist Musik, ist BossHoss.
Mein Berlin ist Hektik, ist Ruhe.
Mein Berlin ist Warten.
Mein Berlin ist grau, ist bunt.
Mein Berlin ist Platte, ist grün.
Mein Berlin ist deutsch, ist türkisch, ist russisch, ist vietnamesisch.
Mein Berlin ist multikulturell, ist intellektuell, ist künstlerisch.
Mein Berlin ist Armut und Reichtum. Ist kinderreich und einsam.
Mein Berlin ist laut, mein Berlin ist leise.Ich lade euch ein, eine kleine Reise mit mir zu unternehmen.
Ich zeige euch mein Berlin. Zeige euch Orte, an denen ich verweilte, die ich besuchte, die ich erkundete. Lasst uns reisen von Alt-Hohenschönhausen nach Mitte.

(Denise Niemann)

 

Christin Hennig: Wer bin ich?

Wer bin ich?

Heute Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen die eingefallenen, müden Gesichter wärmten, habe ich zufällig eine Gruppe von Gästen mit einigen meiner Bewohner fleißig diskutieren hören. Mein Interesse an diesem Gespräch galt dem Thema, sie redeten nämlich über mich und darüber, was man von mir zu halten hätte und wer ich sei. Dabei fielen auch ein paar weniger schöne Kommentare, was mich schon ziemlich ärgerte. Grau und trist sei ich, langweilig, nicht ganz Großstadt und nicht mehr Dorf. Frechheit! Da sind diese Leute gerade mal zwei Tage bei mir zu Gast, sitzen in einem meiner schönsten Gärten und erlauben sich so abfällig über mich zu reden. Dabei kennen die mich doch gar nicht! Ich war umso gerührter, als meine Bewohner mich in Schutz nahmen und mich in den höchsten Tönen lobten. Das Thema wechselte dann irgendwann, aber seit dem beschäftigt mich eine Frage: Wer bin ich? Eine sehr philosophische Frage, wenn man sich nicht nur mit der Nennung des eigenen Namens zufrieden geben möchte. Denn wie ich heiße, das weiß ich schon seit ich denken kann, und den Namen weiß auch so ziemlich jeder, der mich schon mal besucht hat. Mehr noch, eigentlich bin ich ziemlich berühmt, denn viele kennen mich, ohne je bei mir gewesen zu sein. Besser gesagt, sie meinen mich zu kennen, nur weil sie meinen Namen wissen. Dabei kenne ich mich ja selbst kaum. Und was sagt schon so ein Name darüber aus, wer man ist?! Ist er nicht einfach nur ein Verknüpfungspunkt vielerlei Assoziationen?! Assoziationen, die man irgendwann einmal willkürlich in die Schublade mit dem jeweiligen Namen geschmissen hat und bei denen man sich so unsagbar schwer tut, diese gegebenenfalls wieder auszusortieren?!
Ist man nicht mehr als sein Name? Sagt mein Name wirklich etwas darüber aus, wer ich wirklich bin? Immerhin kommt mein Name aus dem Slawischen und bedeutet soviel wie Sumpf. Nur fühle ich mich weder slawisch, noch besonders sumpfig. Sicher, damals gab es bei mir oft Überschwemmungen, weil die Wuhle einfach nicht das entsprechende Fassungsvermögen für die anfallenden bzw. herunter fallenden Wassermassen hatte, aber das ist schon lange her und hat mit meinem heutigen Ich kaum noch etwas zu tun. Eigentlich fühle ich mich recht stattlich und modern, auch wenn ich mir einen Teil meiner Vergangenheit im Inneren stets bewahre, welchen ich sogar ganz offiziell unter Denkmalschutz gestellt habe. Naja, im Kontrast zu Berlin, meiner Heimatstadt, zu der ich seit 1920 gehöre, sehe ich hier und da schon ein bisschen altbacken aus, aber meiner Meinung nach macht gerade das meinen Charme aus. Nicht ohne Grund wohnen vor allem ältere Menschen und junge Familien bei mir. Wo sonst in Berlin findet man so viele grüne Oasen der Erholung, bei solch geringen Mieten?!


Mich jedenfalls erfüllt es immer wieder mir Freude, wenn Großeltern mit ihren Enkeln die Enten am Springpfuhl füttern, obwohl das ja eigentlich gar nicht erlaubt ist, oder aufden Ahrensfelder Bergen im rauschenden Herbstwind die bunten Drachen, mit ihren lachenden Gesichtern, steigen lassen.


Ja, ich muss zugeben, von der Großstadtmetropole ist bei mir nicht viel zu merken und das ist auch gut so. Lediglich die vielen Autos, die auf ihrem Weg zur Arbeit bei mir vorbei kommen, offenbaren meine Angehörigkeit zur Muddastadt, wie sie die Berliner gerne liebevoll nennen. Und das sind täglich unheimlich viele Autos. Manchmal frage ich mich schon, warum sie lieber meckernd und sichtlich genervt im Ampelstau stehen und verzweifelt darauf warten, dass die Blechlawine endlich wieder ins Rollen kommt, anstatt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, mit denen ich mich zu Hauf mit ganz Berlin vernetzt habe. Eigentlich gibt es kaum einen Ort in Berlin, zu dem man nicht bequem von mir aus gelangen könnte. Aber gut, auch für die Kraftfahrer versuche ich stets alles hübsch funktional zu gestalten. Gerade lasse ich mir neuen Bodenbelag in der Landsberger Allee legen, auf dem Stück vor dem Blumberger Damm, von wo aus man schon gut die Bockwindmühle sehen kann, die sowas wie mein kleines Wahrzeichen ist. Nun schimpfen zwar auch die einen oder anderen über die Sanierungsarbeiten, weil sie ja erst mal mit Unannehmlichkeiten verbunden sind, aber so ist das nun mal, wer schön sein will, muss leiden, und wer zügig über die Straßen sausen will, ohne sich Reifen und Felgen zu beschädigen, eben auch. Im Endeffekt dient es ja dem guten Zweck, damit die Leute auch weiterhin gerne zu mir kommen und bei mir wohnen. Auf keinen Fall möchte ich noch einmal so eine finstere Zeit wie damals nach dem dreißig Jährigen Krieg erleben. Da wohnten kaum noch Menschen bei mir. Ich war so furchtbar einsam. Die Kriege, die ich so im Laufe der Zeit miterleben musste, waren generell jedes Mal eine schlimme Zeit. Besonders ungern erinnere ich mich an die Zeit um den zweiten Weltkrieg herum, da habe ich Roma und Sinti, damals sogenannte Zigeuner, bei mir in Arbeitslagern verwahrlosen lassen. Aber ich muss mich daran erinnern und auch die anderen sollen diese düsteren Zeiten nie vergessen und darum habe ich den Opfern jener Zeit auch eine Art Denkmal errichtet. Ein Platz mit vielen Informationstafeln, die das Grauen recht schonungslos widerspiegeln und so das Vergessen verhindern sollen. Viele von den Menschen, die damals aufgrund der unmenschlichen Gräueltaten gestorben sind, liegen heute noch auf meinem Parkfriedhof, wo ich ihnen die letzte Ruhe erweise. Ich habe jedenfalls aus meinen Fehlern gelernt und auch wenn ich auch heute noch als besonders fremdenfeindlich gelte, so entspringt dies doch mehr dem schlechten Image, welches ich mir zu meinem Leidwesen in den 1980er Jahren zugelegt habe und welches ich nun schlecht wieder los werde. Es haftet an mit wie die Millionen Kaugummis an meinen Straßen. Aber selbst die jungen Leute vom Victor-Klemperer-Kolleg sehen mich heute als Ort der Vielfalt an. Und viele von ihnen wohnen nicht mal bei mir, sondern besuchen nur mein schmuckes Kolleg an der Märkischen Allee. Sie haben sogar ein neues Outfit für mich gestaltet, weil mir die alte rot-grün-weiße Kutte nicht mehr so recht passt. Ich muss zugeben, in meinen nicht ganz 800 Jahren habe ich tatsächlich etwas an Umfang zugelegt. Stattliche 19,54Km² beträgt er nun schon, was ja nun doch schon ganz schön beachtlich ist.


Umso schöner, dass mein Partner der 2001 mit mir zusammen gezogen ist, sich nicht weiter daran stört. Und die Menschen die bei mir wohnen, stört es scheinbar auch nicht. Die mögen meine ausladenden Grünflächen und meine einladenden Orte der Begegnung. Besonders scheinen sie mein Eastgate zu mögen, so wie sie da immer alle rum wuseln. Und sogar mein Gewerbegebiet wird gern genutzt, obwohl ich echt gestehen muss, dass das nicht wirklich schön ist, aber dafür nützlich. Ich kann wohl zu recht von mir selbst behaupten, von allem etwas zu haben. Vom einen mehr, vom anderen weniger. Ich bin eben vielseitig. Ich bin nostalgisch und modern, bin jung und alt, grün und bebaut, dörflich und stattlich, deutsch und multikulturell. Ich bin zu groß für eine Schublade im Kopf.

Ich bin Marzahn!

 

Brigitte Denck: Über „Die Kuh im Propeller“

Was kann ich mir unter einer Kuh im Propeller vorstellen? Jürgen Wolf, der Müller aus Marzahn, schaut mich herausfordernd an: „Kennen Se doch, oder?“

Eine Falle! Er hätte auch fragen können: „Ossi oder Wessi“?

Ich antworte nicht, großzügig geht er darüber hinweg.

Der Müller aus Marzahn erzählt viel. Er erzählt von seinem aussterbenden Handwerksberuf und von seiner Familie, die seit über 500 Jahren in dieser Tradition steht. Er erzählt von sich, dem Landmenschen, und seinem Versuch hier in Marzahn Stadt- und Landleben zu vereinen.

“Der Marzahner ist nicht dumm, er baut um sein Dorf eine Stadt herum!“

Er erzählt von den Kindern, die „seine“ Mühle besuchen und von dem Wert der Mühle als Bildungsstätte. Er erzählt, wie wichtig es sei, ihnen das Zermahlen des Brotgetreides zu demonstrieren, um den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen Natur und Nahrung. Er erzählt von seiner eigenen Kindheit, von seinem Toben, Klettern, Schrauben und Werkeln und wie übermäßige Nutzung der neuen Medien die Jugend davon abhält, sich mit Natur oder Handwerken zu beschäftigen.

„Das Extrem schadet immer!“

Er erzählt vom Wertewandel, von DDR-Zeiten, von einer Kuh im Propeller. Auch von einer Mehlstaubexplosion in einem Eberswalder Mühlenbetrieb erzählt er, und davon, dass es dort keinen einzigen Besen gegeben habe.

„Es war Dummheit! In meiner Mühle ist es sauber!“

Und er erzählt natürlich hingebungsvoll von der Bockwindmühle; davon, dass das gesamte Mühlenhaus auf einem einzelnen dicken Pfahl, dem „Hausbaum“, steht, der senkrecht in einem unterhalb der Mühle befindlichen hölzernen Stützgestell, dem „Bock“, befestigt ist. Die gesamte Mühlenmaschinerie wird auf dem Bock in den aufkommendem Wind gedreht.

Behende flitzt der Müllermeister hin und her, löst Verriegelungen hier, legt einige Hebel um dort. Schwerfällig setzen sich große Zahnräder in Bewegung, die über eine Welle von dicken, ledernen Riemen mit gleichmäßigen Rattern angetrieben werden. Ich bestaune die handgefertigten Zinken der Zahnräder, die exakt ineinander greifen. Der Meister verfolgt meinen Blick und beschreibt stolz, wie er jene bei zu starker Abnutzung einzeln auswechsele.

„Ein Müller ist ein guter Handwerker, das muss er sein!“ Jetzt sehe ich es, auch eine gut ausgestattete Werkstatt ist hier. Während mir die Funktionsweise der mittelalterlichen, aber altbewährten Technik erklärt wird, umkreise ich den großen Mühlstein. Ehrfürchtig bewundere ich die dicken Eichenbalken, die von wohl mehrere hundert Jahre alten Bäumen stammen müssen. Der hölzerne Innenraum erinnert an eine Blockhütte und strömt ein Gefühl von Wärme und Behaglichkeit aus. Dazu das Rasseln und Klappern des Mühlrades; Geräusche, als wenn sie aus der Tiefe kämen.

Es sei wichtig, dass die Flügel nach dem Wind gedreht und bei Sturm fixiert werden müssten.

2006, sagt er, habe ein Tornado den Propeller aus der Verankerung gerissen, ihn über die Mühle hinweg gehoben, sodass dieser dort krachend zu Boden ging. Seitdem schlafe er hier, wenn sich ein Unwetter ankündigt. Er zeigt mir seine „Schlafkabine“, in der er nur sitzend oder kauernd schlafen kann. Das sei jedoch kein Problem für ihn, das sei eben so, man gewöhne sich an die beengten Platzverhältnisse.

Während das Mühlrad klappernd und rasselnd seine Kreise zieht, schweifen die Gedanken ab.

Die Kuh im Propeller. Der Mann in der Mühle. Der Müller, das Urgestein, der „Fremdkörper“ in der Trabantenstadt. Plötzlich verwandelt sich die kleine Mühle in ein Raumschiff. Ich sehe den drahtigen Mann in seiner Kabine sitzen, wie er aus seinem Guckloch sein Raumschiff steuert und mitten in Marzahn auf dem kleinen Hügel landet.

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