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Der politische Film in der Schule – ein besonderer Tag am Victor-Klemperer-Kolleg

polfilmbildungdietl1Was ist ein politischer Film und warum? Diese Frage lässt oft schon eingefleischte Filmprofis verzweifeln. Umso spannender ist es, dieser Frage genau dort nachzugehen, wo es wirklich darauf ankommt: Mitten unter dem Zielpublikum – den KollegiatInnen des Victor-Klemperer-Kollegs. Als Drehbuchautorin weiß ich nur zu gut, dass Filmschaffende oft vergessen, wofür man Filme und Serien wirklich macht: Für sein Publikum. Es ist ein anspruchsvolles Projekt. Etwa zu anspruchsvoll?

 

Ganz im Gegenteil! Die KollegiatInnen freuen sich, dass wir heute mal „was ganz anderes machen“ und uns die gesamte Doppelstunde Zeit nehmen, um einen Filmausschnitt zu sehen und uns dann mit der Frage zu beschäftigen, was ein politischer Film ist. Natürlich mit einem praktischen Schwerpunkt, denn am besten lernt man immer noch durchs Tun.

Wir fangen mit einem 20-minütigen Ausschnitt aus der Multi-Kulti-Komödie „Womit haben wir das verdient?“ an – ein österreichischer Kinofilm über eine aufgeklärte, liberale deutsche Patchwork-Familie, in der sich die 16-jährige Tochter entscheidet, zum Islam überzutreten – und schon entbrennen spannende Diskussionen. Die KollegiatInnen können aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit schöpfen und bringen ihre Gedanken und Erlebnisse in die Diskussion um die Frage ein: Ist diese Komödie ein politischer Film? Dabei merken sie schnell, dass es gar nicht darum geht, ob einem der Film gefällt oder nicht. Wenn eine spannende Kontroverse entbrennen kann, wenn sich ein Film mit der Gesellschaft beschäftigt und Stellung dazu bezieht, dann ist er ein politischer Film.


Es ist beeindruckend, wie schnell die KollegiatInnen das Prinzip eines politischen Filmes begreifen und eifrig nach modernen Beispielen suchen. Wo versteckt sich in der heutigen Unterhaltung eine politische Haltung der Filmemacher? Ob Squid Game, Fauda oder sogar Lucifer – den KollegiatInnen fällt immer mehr ein. Wir stellen schließlich gemeinsam fest: Es geht nicht darum, was ein Film erzählt. Sondern wie. Das „wie“ macht einen Film zu einem politischen Film.


So schön die Diskussion auch ist, heute wollen wir nicht nur reden, sondern etwas ganz Besonderes machen: Eine eigene kleine Filmszene schreiben. Denn ein Film ist schließlich nicht nur Theorie. Man muss ihn entwickeln, schreiben, produzieren, finanzieren, ausstatten, Regie führen und spielen. Also fangen die KollegiatInnen an, in Einzel- oder Gruppenarbeit, kleine Szenen zu schreiben, die eine politische Relevanz haben. Und das findet sich schon im Kleinsten statt. So kann eine tägliche Szene in der U-Bahn Rassismus entlarven oder ein Streit zwischen Vater und Tochter das heutige Frauenbild beleuchten. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Dabei steht es den KollegiatInnen frei, ob sie die Szene schreiben, spielen oder vorstellen wollen.


Die Ergebnisse sprechen für sich. Es entsteht beispielsweise eine wunderschöne Geschichte über einen König, der eine ausländische Prinzessin heiratet und deren Liebe die kulturellen Unterschiede überwinden muss. Oder auch eine sehr emotionale Idee über eine junge Frau, die von ihrer Familie getötet wird, weil sie sich mit einem Mann eingelassen hat – übrigens eine wahre Geschichte. Und dann das Herzstück: Ein richtiger kleiner Kurzfilm. Eine Gruppe hat eine Szene im Bus nachgespielt, wo eine Frau rassistischen Beleidigungen ausgesetzt ist, mit einer cleveren Lösung und dem Beweis, dass soziale Courage immer möglich ist.


Politische Filmbildung ist ein spannendes Projekt zum Mitmachen und Selbstgestalten. Und dank den KollegiatInnen habe ich wieder neuen Input und Inspiration bekommen. Schule und Film gehören einfach zusammen. Denn Film ist Kunst. Und Kunst ist Leben. Und das Leben gehört in die Schule.

Text von Regina Dietl, Drehbuchautorin; Bilder von Luna Filmverleih

 

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